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Es werden Posts vom Mai, 2017 angezeigt.

Kaspar Hauser - Jeder für sich und Gott gegen alle (1974)

Und dann sitz' ich in meinem Kostüm in deiner Scheißkarre in Holland!Fast jeder, der sich einmal mit dem deutschen Film befasst hat, kennt den berühmt gewordenen verbalen Schlagabtausch am Set von Werner Herzogs Fitzcarraldo, entbrannt zwischen Herzog und seinem Star, dem enfant terrible Klaus Kinski. Zu diesem Zeitpunkt sind beide bereits hoch angesehen und besonders für Kinski ebnet die Zusammenarbeit mit Herzog, einem der wichtigsten deutschen Regisseure, den Weg zum Ruhm. Diese geniale künstlerische Kooperation begann 1972 mit dem surreal angehauchten Aguirre, der Zorn Gottes, basierend auf der Lebensgeschichte des Conquistadors Lope de Aguirre. Ein erster Erfolg war Herzog gelungen. Doch sein nächster Langfilm wurde zu einem Schlüsselfilm einer filmischen Bewegung in Deutschland, des Neuen Deutschen Films, der (ähnlich dem New Hollywood Cinema) Gesellschaftskritik ins Zentrum rückte. 

Kaspar Hauser - Jeder für sich und Gott gegen alle basiert ebenfalls auf einer wahren Geschic…

David Bowie - Tonight

Ich kann vieles verzeihen. Vielleicht sogar zu viel. Andere können das nicht. Besonders nicht bei Musik. Ein solcher tragischer, untergegangener Fall ist das leicht obskure Album, welches David Bowie 1984 nach dem gigantischen Erfolg von Let's Dance auf den Markt warf. Tonight erschien am 1. September 1984, erreichte in zwei Ländern Platin, nur um mit Ende des Jahres aus dem öffentlichen Bewusstsein zu verschwinden und in den Ramschkisten der Plattenläden wieder aufzutauchen. Und das hat es ganz einfach nicht verdient.

Wobei der 80er-Output Bowies bei vielen Fans sowieso für Kopfschüteln sorgt - besonders Never Let Me Downwird ja gerne als eines der furchtbarsten Alben aller Zeiten bezeichnet. Nachdem ich einer der Wenigen bin, die diese Platte wirklich, wirklich gerne haben, war es für mich also auch an der Zeit, das fast ebenso desaströs rezipierte Vorgängeralbum anzuhören. Dieses startet gleich mit einem meiner absoluten Lieblingssongs, sei es Bowie oder irgendjemand anderes: L…

Paul Simon - Graceland

Apartheid ist einer dieser politischen Begriffe, die das 20. Jahrhundert wohl massiv geprägt haben. Die Rassentrennung in Südafrika hatte unter anderem zur Folge, dass gemeinsames Kunstschaffen farbiger und weißer Künstler in Südafrika so gut wie nicht stattfand - geschweige denn die Zusammenarbeit mit einem Künstler aus der westlichen Hemisphäre. Denn verständlicherweise fühlte man sich schnell für kommerzielle Zwecke missbraucht. Eine Platte, die diese Diskussion aufbrachte und ihr sicherlich auch einen wesentlichen Teil ihres Erfolges verdankt, ist Paul Simons Graceland von 1986.

Und dabei ist zu allererst die enorme musikalische Variation des Albums festzuhalten: es ist quasi alles an möglichen, irgendwie populären Stilen in den gesamt 11 Songs vertreten. Der Opener The Boy In The Bubble hat zum Beispiel einen deutlichen Polka-Einschlag, Akkordeon und der 2/4-Takt der Drums lassen einen wirklich glauben, man befinde sich im ehemaligen Böhmen auf irgendeinem Straßenfest. Konträr hi…

Ash My Love - Heart E.P.

Ich habe gesündigt. Klingt jetzt furchtbar kirchlich, aber in diesem Fall bezieht es sich schlicht und einfach darauf, dass ich aufgrund einer absolut ausverkauften Auflage das Debut von Ash My Love, denen ich bereits einen Blogpost gewidmet habe,... gestreamt habe. Auf SoundCloud. In Scham neige ich mein Haupt zur Erde, ehe mir einfällt, dass ich der 2013 erschienen Heart E.P. ja noch meinen heutigen Beitrag widmen wollte. 

Das Cover bringt mich bereits zum Schmunzeln: eine Brünette kotzt am Straßenrand Herzen aus. Ganz viele Herzen, deren knallrote Farbe die einzige Abwechslung vom schwarz-weiß-grauen Artwork darstellt, welches den Grundstein für die Atmosphäre der nächsten Minuten legt. Denn die Laune, bei der man all seine Liebe am liebsten auf dem schnellsten Wege loswerden möchte, beherrscht die vier Tracks der EP, die sich mit verbitterten Ex-Partnern und Gewaltfantasien befasst. Der Opener Hell Is Not Evil beschreibt in bester, dreckiger Bluesmanier, die Fans der Band bereits …

Dire Straits - Love Over Gold

Liebe, das höchste Gut auf Erden, das Berge versetzen, Kriege auslösen und Leben retten oder zerstören kann. Jahrtausende schon dient sie als Inspiration zu allen möglichen Kunstwerken und somit natürlich auch zur Musik. 1982 veröffentlichen die Dire Straits, zu diesem Zeitpunkt bereits eine feste Größe in der Musikwelt und nach drei Alben bereits eine der erfolgreichsten Bands aller Zeiten, ihren vierten Langspieler, der mehr noch als die vorherigen Alben von der Liebe und menschlichem Schicksal handeln sollte: Love Over Gold.

Es sind die ruhigen Momente, die dieses Album auszeichnen. Bereits der Anfang, das Intro zum opus magnum Telegraph Road, mutet sphärisch an, legt dem Hörer ganz behutsame Gitarrenakzente ins Ohr, bevor sich langsam eine Melodie entwickelt, wirklich ganz langsam erst die einzelnen Instrumente den Raum erfüllen. Diese ersten zwei Minuten klingen nach nichts, doch eigentlich sind sie fast schon alles: der Minimalismus, mit dem die Melodie hereinbricht, ergänzt wun…

Deep Purple - Burn

Nachdem ich erst kürzlich auf Iron Maiden gestoßen bin, ist es nun an der Zeit, einige Jahrzehnte in der Geschichte des Metal zurückzureisen. Meine ehemalige Lieblingsgruppe Deep Purple, eine der Vorreitergruppen des (Heavy) Metal kommt mir da mit dem 1974 erschienenen Burn, ihrem wahrscheinlich besten Album nach der Auflösung der berühmten Mark-II-Besetzung (u.a. Smoke on the Water, Child in Time), gerade recht.

Doch erstmal die Geschichte dahinter: 1972 erscheint das sechste Studioalbum der Band, Machine Head, das sich mit der Über-Single Smoke on the Water in nahezu halb Europa an die Spitze der Charts setzen kann und nun endgültig keinen Zweifel mehr am astronomischen Talent der legendären zweiten Besetzung von Deep Purple mit Sänger Ian Gillian, Gitarrist Ritchie Blackmore, Drummer Ian Paice, Bassist Roger Glover sowie Organist Jon Lord lässt. Bis heute zählt die Platte, die sich in den USA mehr als zwei Jahre in den Charts halten kann, zu den besten Heavy-Metal-Alben aller Zeite…

Mein Freund ist Schauspieler - Versuch einer musikalischen Klarwerdung

Ich habe einen Freund, der Schauspieler ist. Beruflich. Wobei ich gar nicht glaube, dass die Bezeichnung "Freund" en moment passend ist: vor einigen Tagen gab es einen Disput, nach dem zumindest er mich wohl höchstens noch als "(entfernten) Bekannten" bezeichnen würde - wenn überhaupt. Denn wenn zwei Menschen, an denen beiden ich hänge, sich zerstreiten, ist es mir unmöglich, eindeutig Partei zu ergreifen und ich glaube, das wollte er. Zumal er sich an besagtem Abend wirklich sehr schlecht benommen hat.

Doch schauen wir nicht auf die Diversitäten, die unser Zerwürfnis heraufbeschworen haben, blicken wir auf die Gemeinsamkeiten: Wir beide lieben Filme. Wir beide lieben Literatur. Wir beide lieben David Bowie.

Als die Nachricht unser beider Lieblings Tod am 11. Jänner des vergangenen Jahres die Welt erreichte, war es für uns beide wohl ein Schock. Gerade drei Tage zuvor war sein 26. Album Blackstar erschienen, welches ich mir damals sogar auf Vinyl vorbestellt hatte.…

Iron Maiden - Fear of the Dark

Das wird jetzt nicht ganz einfach... aber ich versuchs: ich habe nie wahnsinnig viel Metal gehört. Aber ich wurde dazu gebracht, den wenigen Metal-Platten, die ich wirklich kenne, noch den ziemlich umstrittenen Iron-Maiden-Output von 1992 hinzuzufügen. Um meine Kritik nicht gänzlich uninformiert zu verfassen, habe ich mir davor noch die ersten drei Alben der Jungs angehört, um etwas vergleichen zu können. Also, verehrte Leser, folgt mir in die Dunkelheit...

Liest man sich einmal die Tracklist der Platte durch, wird einem bei Titeln wie From Here to Eternity, Wasting Love oder Chains of Misery klar, dass ihre Themen wohl alle möglichen elementaren Fragen des Lebens abdecken, beispielsweise eben die Abkehr vom "Guten", vergebliche Verliebtheit oder Rache. Die meisten dieser Songs wurden von Sänger Bruce Dickinson geschrieben, welcher der Band nach der anschließenden Fear of the Dark World Tour den Rücken kehrte. Man könnte also annehmen, schwere innere Konflikte Dickinsons, di…

Look Back in Anger - David Bowies Berlin-Trilogie

Irgendwann zwischen der Fertigstellung von Station to Station und dem Ende der dazugehörigen Isolar World Tour musste David Bowie wohl erkannt haben, dass er ein Fall für den Entzug geworden war. Sein (in eigenen Worten astronomischer) Drogenkonsum brachte ihn dazu, aus dem Höllenloch Los Angeles zu fliehen. Über einen Umweg, der ihn auch an den Genfer See führte, kam der Musiker schließlich Ende 1976 nach Westberlin, um sich zum Einen in einen kalten Entzug zu begeben und zum Anderen - was für die nun folgenden Zeilen sehr wesentlich sein wird - sein wachsendes Interesse an der deutschen Musikszene, zu diesem Zeitpunkt vor allem von den beiden Bands Neu! und Kraftwerk geprägt, zu stillen. Drei Studioalben sollten zwischen 1976 und -79 entstehen, die aufgrund dieser musikalischen Einflüsse sowie des zwischenzeitlichen Aufenthaltes Bowies in Berlin gemeinhin als die Berlin-Trilogie bezeichnet werden.

Die musikalische Arbeit an der Trilogie nimmt Ende 1976 Fahrt auf: nach einem Treffen …

Tanzbare Dekadenz auf Kokain - David Bowies "Station to Station"

Die Karriere David Bowies war von vielen Höhen und mindestens ebensovielen Tiefen gekennzeichnet. Nachdem er sich mit dem etwas überschätzten Ziggy Stardust selbst zur Legende erhoben hatte, kamen das superbe Aladdin Sane sowie das ebenfalls großartige Diamond Dogs, dazwischen noch die kleine Randnotiz namens Pin-Ups. Seinen absoluten Zenit sollte das Chamäleon des Pop 1975 besteigen und ihn erst fünf lange, turbulente Jahre später wieder verlassen. Und müsste ich mir aus den Platten dieses Zeitraums einen Favoriten aussuchen, so wäre es ein knappes Rennen zwischen Young Americans und dessen direkten Nachfolger aus einer Zeit, in der Bowie den Höhepunkt seiner Kreativität und seiner Drogensucht erreicht hatte - Station to Station.

Illusion ist der Kernbegriff der Platte, die die wohl schwärzesten Stunden im Leben des Briten widerspiegelt, sowie der Geschehnisse rund um ihre Entstehung. Nachdem Bowie sich mit exaltiertem, gleichzeitig introvertiertem und stets unberechenbarem Verhalten…

Die Zeit nach Mitternacht (1985)

Ich will einfach nur nach Hause. Das haben wir uns wohl alle schon das eine oder andere Mal gedacht. Für den Programmierer Paul Hackett (Griffin Dunne) werden diese sechs Worte zum lebensentscheidenden Mantra in einem wilden, bitterbösen und souveränen Porträt der Stadt, die niemals schläft: Martin Scorseses Die Zeit nach Mitternacht.

Dabei beginnt der Film noch ganz trivial: in einem Cafe lernt Paul die aufreizende Marcy (großartig: Rosanna Arquette) kennen, die ihn auf den Henry-Miller-Roman, den er gerade in der Hand hält, anspricht. Die beiden kommen schnell ins Gespräch über den Autor und beginnen, sich über ihr Leben zu erzählen. Dabei lässt Marcy eher beiläufig fallen, dass sie in einem Loft mit der Künstlerin Kiki, welche Briefbeschwerer fertigt, lebt. Unter dem Vorwand, einen solchen erwerben zu wollen, kommt Paul an Nummer und Adresse der Bildhauerin. Später am selben Abend bestellt er sich ein Taxi zum Loft in SoHo. Als er während der Fahrt einen 20-Dollar-Schein aus der Br…